1966 kriselt es bei der Rialto in jeder Hinsicht in Bezug auf die Edgar-Wallace-Reihe. Nach erstaunlichen zwanzig Filmen in wenigen Jahren (es gab in etwa genauso viele, meist ähnliche deutsche Kriminalfilme anderer Produzenten im gleichen Zeitraum) sollte man einmal Luft holen und die Situation analysieren.
Wegen der enttäuschenden Zuschauerzahlen von Neues vom Hexer entschloss sich Wendlandt, die dritte Hexer-Verfilmung fallen zu lassen. Inspektoren-Aushängeschild Heinz Drache ergraute immer weiter und schien nicht mehr als zukünftiger Topstar zu taugen. Der unheimliche Mönch wurde deshalb schon 1965 mit Harald Leipnitz als Hauptdarsteller besetzt, dessen Typ aber nicht so recht kompatibel als neuer Kultinspektor war. Joachim Fuchsberger, der eigentlich erneut den Hexer jagen sollte, hatte sich nach zehn Edgar-Wallace-Filmen mehr Internationalität für die Reihe gewünscht und war anderweitig in Europroduktionen gut beschäftigt.
Und der Rest des Stammpersonals?
Klaus Kinski nahm nach fünfzehn Filmen lieber neue Angebote aus Italien an. Und Eddi Arent war es nach 21 (!) Filmen anscheinend auch zu öde, immer fast die gleiche Rolle zu spielen. Schließlich hätte man als Buckligen auch das Serienmonster Ady Berber besetzen können, doch der arme Riese war Anfang 1966 an Krebs verstorben. Plötzlich gab es also ein totales Vakuum in den Besetzungsmöglichkeiten.
Man brauchte neues Personal und riskierte mit Melissa-Star Günther Stoll einen neuen Hauptdarsteller, der nach Heinz Drache eine neue Coolness bringen sollte. Doch Stolls melancholische Aura machte im Wallace-Kontext nicht so recht Sinn – oder besser gesagt: Günther Stolls Typ wurde nicht geschickt genug in Szene gesetzt. Da auch Kinski fehlte und Eddi Arent leichtsinnigerweise das Wagnis einging, einen um 180 Grad gedrehten Rollentyp zu spielen, holte man zur Sicherheit bewährtes Personal aus dem Kultkrimi Der Zinker zurück. Agnes Windeck als skurrile vermögende Dame im besten Oma-Alter und Albert Bessler als ihr stets hochverdächtig erscheinender Butler sollten für bekannte Heimeligkeit sorgen.
Mit Siegfried Schürenberg, Pinkas Braun, Gisela Uhlen und Hubert von Meyerinck engagierte Wendlandt weitere Ikonen der Serie; mit Richard Haller probierte er einen neuen Monsterdarsteller aus, mit Joachim Teege einen neuen Komödianten. Dazu kamen zahlreiche attraktive Darstellerinnen, von denen Nebendarstellerin Ilse Pagé die wichtigste werden sollte.
Immerhin gab es ein gutes Drehbuch von Herbert Reinecker, das ursprünglich als Hexer-Film geplant war und nun ohne die Figur des Hexers neu ausgearbeitet wurde. Und es gab den erfahrenen Erfolgsregisseur Alfred Vohrer, der die ganze Sache kontrollieren sollte.
Neben diesen ganzen Premieren in der Besetzung musste Vohrer sich aber vor allem mit der entscheidenden Neuerung auseinandersetzen: Der Film sollte erstmals in Farbe erscheinen!
Wallace in Farbe? Man ist fast enttäuscht.
Es mag naiv klingen, aber ich glaube, gerade dieser Film hätte in Schwarzweiß ein düsterer und unheimlicher Höhepunkt der Serie werden können. Mit Vohrers entwickelter und bestens bewährter Filmsprache, einem saftigen Drehbuch und einer trotz mancher Ausfälle guten Besetzung hätte in Schwarzweiß eigentlich nichts schiefgehen können.
In Farbe aber doch: Die Verfolgungsszene, in der Wanda Merville aus dem Bootshaus vor dem Buckligen flieht, findet in der Farbversion am helllichten Tag statt – man stelle sich stattdessen eine gut ausgeleuchtete Nacht-und-Nebel-Szene wie die Verfolgung im Park von Selford Manor aus Die Tür mit den sieben Schlössern vor. Wie gruselig und beklemmend hätte vieles wirken können! Die Farben machen vieles profaner, Nebel und Licht wirken nicht mehr so, wie wir es kennen, und viele Szenen haben nun den Look des schnöden Alltags der langsam aufkommenden Hippiezeiten. Gerade die fensterlose Wäscherei wäre in Schwarzweiß eine herrlich gespenstische Kulisse gewesen.
Anderes funktioniert immerhin noch passabel in Farbe, etwa die meines Erachtens beste Szene des Films, in der die Oberin vergeblich Jagd auf den Buckligen macht.
Vohrer spürte wohl das Problem, und ich vermute, er wollte aus Misstrauen gegenüber den neuen Bedingungen in einigen Szenen allzu sehr das Tempo steigern. Das führt jedoch eher dazu, dass Spannung nicht richtig entstehen kann, etwa in der viel zu knappen Pre-Title-Sequenz. Einige Szenen, wie die sinnlose Ermordung der Polizistin, machen den Film leider nicht härter, sondern trashiger. Andererseits gibt es auch wieder Szenen, in denen alles gut funktioniert, etwa die Ermordung von Jane (Ilse Pagé).
Dass Eddi Arent einmal einen Dunkelmann spielen darf, sei ihm persönlich natürlich gegönnt, und selbstverständlich macht er das tadellos. Trotzdem ist gerade das für manchen Zuschauer ein Vertrauensbruch, weil feste Pfeiler des Genres über Bord geworfen werden. Wenn die Gesetze des Genres nicht mehr gelten, fühlt man sich schnell nicht mehr zu Hause. Als Folge wurde der Humor stärker auf Siegfried Schürenberg und Joachim Teege verlagert und wirkt nun leider erzwungener und alberner als in vorherigen Filmen.
Wie schon gesagt: Trotz aller Abstriche gibt es immer noch einige grandiose Szenen mit dem typischen Vohrer-Flair, gute Darsteller und einen entfesselten Peter-Thomas-Soundtrack. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass der alte Spirit aus den Schwarzweiß-Tagen langsam in den Ausverkauf kommt und alles verhökert werden könnte, was in glücklichen Momenten deutscher Filmgeschichte geschaffen wurde.
Zur Beruhigung der Hardcore-Fans, deren Lust auf Wallace auch nach zwanzig Schwarzweiß-Filmen noch nicht gesättigt ist, lässt sich sagen, dass man immerhin noch einige Jahre von den in sechs Jahren erschaffenen Stilerrungenschaften zehren konnte. Und was das Thema Farbe betrifft, sollte Vohrer diese in seinen nächsten Wallace-Filmen erheblich besser zu nutzen wissen.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.