Irgendwo zwischen Bremen und Hamburg, Lüneburger Heide und Elbmündung, liegt weit abgelegen Huvenhoops Moor. Eine triste Landschaft. Keine gewachsenen Dörfer, erst an Moordämmen spät besiedelt. Weite Baumlosigkeit, wegen des Torfabbaus. Schwarzes Wasser in riesigen Sumpflöchern. Es gibt dort einen Moorerkundungspfad, den man auf abgesichertem Fußweg beschreiten kann. Sein Interesse auf Pflanzen zu lenken, fällt schwer, fühlt sich grotesk an. Denn in dieser Platzangst evozierenden Landschaft muss wohl eine kaum zu bestimmende Anzahl von Fliehenden aus dem angrenzenden Konzentrationslager Sandbostel ihr Leben gelassen haben. Nach dem Krieg dienten die Baracken als Auffanglager für Geflüchtete aus dem Osten. Doch irgendwann wurde das Areal am Ende der Welt nicht mehr genutzt. In den 1990er Jahren standen die Baracken noch da. Hier und da kaputte Fenster. Gespenstische Überbleibsel einer dunklen Zeit. Außer einem schicken Bungalow, den sich jemand auf das Gelände gebaut hat. Erst in unserem Jahrhundert wurde das KZ gegen Widerstände aus der Region zur Gedenkstätte ernannt. Für die, die es tatsächlich schaffen, hierher zu kommen.
So unbekannt die Gedenkstätte ist, so unbekannt ist auch, dass der Roman „Der Stoff, aus dem die Träume sind“ hier spielte und hier gedreht wurde. Johannes Mario Simmel ist einer der wenigen, die diesen Ort entdeckt haben. Die Kernfigur seiner Geschichte, die um 1970 spielt, ist eine ältere Frau, die zeitweise verwirrte Luise Gottschalk, die seit der Nazizeit hier als Pflegerin arbeitet. Luise ist die leuchtend positive Figur in diesem monströsen Handlungsspektakel, das uns 242 Minuten lang präsentiert wird. Sie hat Schlimmes und Schlimmstes erlebt, so dass sich aus dem immerwährenden Helfen in äußerster Not ein beinahe manischer Humanismus gebildet hat. In ihrer Verwirrung verwechselt sie Menschen aus der Konzentrationslager-Zeit mit der Gegenwart. Sie erkennt gleiche Charaktere in politisch unterschiedlichen Zeiten.
Dem gegenüber gestellt sind die schmierigen Journalisten Walter Roland und Bertie Engelhardt, die für eine „große Tageszeitung“ mit höchster Auflage arbeiten. Roland konsumiert zu viel Alkohol, Engelhardt zu viel Schokolade. Die Redaktion verlangt reißerische Sex-Stories, doch Roland ist bereits von dieser Art des Gegenwarts-Mainstream übersättigt. Er möchte lieber über einen geflüchteten tschechischen Jungen schreiben, dessen Vater an der tschechischen Grenze erschossen wurde. Nach einigen Querelen setzt er sich durch und so reisen Roland und Engelhardt in das Auffanglager nach Sandbostel und lernen dort Luise Gottschalk kennen.
Das ist der Boden für eine Spionage-Geschichte, deren Dimensionen sich im Filmablauf stetig überbieten werden. Simmel katapultiert die Handlung nach Hamburg und Frankfurt am Main, nach Finnland, Russland und schließlich New York. So wie auch Luises Sinne (über-)strapaziert werden, beansprucht der Film die Sinne der Zuschauer bis an den Rand der Überforderung. Doch die immer wieder tragischen Ereignisse lassen nicht abstumpfen, ihre Bitterkeit macht eher mürbe. Rolands Recherchen erweisen sich allmählich als Sisyphos-Aufgabe. Die kalte Gegenwart ist immer desillusionierend. Vivaldis zeitloser „Der Winter“ aus den den „Vier Jahreszeiten“ erklingt zu prismenhaften Aufnahmen von Baustellen des neuen Wirtschaftswunders. Angesichts der Schwere der unverarbeiteten Vergangenheit erscheint Luise die Gegenwart surreal. Ihr Humanismus wirkt hilflos und verloren, wenn sie durch das Hamburg und Frankfurt der Gegenwart irrt. Eine andere weibliche Hauptfigut, die Tschechin Irina, ist ebenfalls verloren. Auf der Suche nach ihrem Verlobten gerät sie ins Visier verschiedener Geheimdienste. Doch sie irrt nicht durch die Straßen, sondern muss sich in ihrer Hilflosigkeit in Wohnungen verstecken.
Drehbuchautor Manfred Purzer und Regisseur Alfred Vohrer gelingt es, den Film auf nur (!) 242 Minuten zu begrenzen. Mit einem überdimensionalem Aufgebot an Schauspielern ersten Ranges schaffen sie es, die komplexe Geschichte mit filmischen Mitteln nachvollziehbar zu erzählen. Um wenigstens einige Darsteller zu nennen: Edith Heerdegen als Luise, Hannelore Elsner als Irina und Paul Neuhaus und Herbert Fleischmann als Journalisten sind hervorragend besetzt. Unter Vohrers Simmel-Verfilmungen ist dies die extremste, sowohl in ihrer Komplexität als auch in ihrer Gestaltung. Kameramann Charly Steinberger erfüllt dem Regisseur alle Bedürfnisse nach ungewöhnlicher Bildgestaltung inklusive Handkamera, Reißschwenk, ungewöhnlichen Perspektiven oder verzerrten Bildern. Eine eisige Welt wirkt mit expressiven Mitteln dargestellt. Hoch budgetiert, handwerklich erfahren, mit dem bürgerlichen Ansinnen, bei aller Schwere fesselnd zu unterhalten. Das ist exemplarisch das Gegenteil vom zeitgleichen Neuen Deutschen Film, beispielsweise um Rainer Werner Fassbinder. Während dort konsequente Nüchternheit ausgehalten werden muss, bietet Vohrer Üppigkeit an. Die hat ihren Preis. Einige Figuren sind etwas plakativ, andere etwas grell. Geschenkt, das sollte kein Anlass zum Nörgeln sein, schließlich wird viel mehr geboten: Ein Spionagefilm jenseits aller Agentenfilmklischees, der sich für komplexe politische und menschliche Hintergründe interessiert – in einem spezifisch deutschen Stil. Zugegeben, man muss sich auf die schwere Geschichte einer anderen Zeit einlassen. Doch wenn man den Film mit Ernsthaftigkeit betrachtet, so stellt sich eine eigentümliche Wirkung ein.
Als ich nach Jahrzehnten wieder in die Weite der kargen Landschaft von Huvenhoops Moor blickte, empfand ich bewusst Trauer über das Gewesene und Vergessene. Und den Wunsch nach mehr Empathie.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.