Das Geheimnis der grünen Stecknadel - italienische Zugeständnisse

Kommen wir gleich zum Punkt: die drei Zugeständnisse an das deutsche Publikum sind 1. der Titel ( wenn auch der Mode entsprechend durch eine Farbe ergänzt) , 2. Schauplatz London anstatt Rom und 3. die Mitwirkung von Joachim Fuchsberger als Ermittler. Alles kein Problem für die Italiener!
Horst Wendlandt hat die italienische Giallo-Produktion dafür mit gutem Geld unterstützt und so haben sich die Italiener einen Ruck gegeben und mehr Zugeständnisse gemacht als bei vergleichbaren Produktionen. Dafür konnten sie mal wieder einen Giallo in deutsche Kinos schicken, denn das Giallo-Genre hatte es hierzulande nicht automatisch einfach. Allerdings: ein Edgar-Wallace-Film ist der Streifen deswegen nicht geworden, sondern ein Etikettenschwindel, zu dem Wendlandt sich auch nur noch ein einziges weiteres Mal hinreißen ließ.
Anfang der 70er Jahre allerdings war Etikettenschwindel nicht mal ein Kavaliersdelikt. Ich erinnere mich beispielsweise an Louis de Funes -Filme, die wir in Jugendvorstellungen doppelt sahen, weil der gleiche Film mit verschiedenen Titeln ( Loius, Balduin, Oscar) erschien oder Filme, in denen ein Star vermarktet wurde, den man schließlich in ei II nem uralten Film am Beginn seiner Karriere in einer winzigen Nebenrolle sah.
Aber was sollte man machen? Edgar Wallace wie gehabt war nicht mehr machbar, es fehlte an Regisseuren, Schauspielern und vor allem am alten Zeitgeist. „Die Tote aus der Themse“ hatte das soeben bewiesen gehabt. Warum also nicht diesen neuen Stil ausprobieren?
Rialto konnte mit Giallo eigentlich nicht so viel anfangen, aber immerhin kam sowas ja durchaus beim Publikum an. Trotzdem war das Ergebnis ein bisschen Lotterie. Wer wusste schon, was da in Italien passierte, was für Leute sich da an Filmen austobten?
Wegweisende Brillianz („Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“) lag manchmal nah bei miserablen Trash („Das Gesicht im Dunkel“). Regisseur Massimo Dallamano hatte sich durch - sagen wir einmal - Artploitation einen Namen gemacht. „Venus im Pelz“ und „Das Bildnis des Dorian Gray“ sind zwei Ästhetik-Kracher, die zwischen Erotik, Kunst und Trash liegen. Gar nicht falsch für einen Giallo-Regisseur! Das Ergebnis ist allerdings kein Meisterwerk seines Genres geworden, liegt aber über dem Schnitt - das muss man unbedingt fairerweise sagen. Joe D‘Amato macht eine geschmackvolle Kamera und Filmkomponist Ennio Morricone ist sowieso die Königsklasse der Filmmusik. Ein paar zusätzliche deutsche Darsteller wie Karin Baal und Günther Stoll fügen sich auch gut in das Geschehen ein. Ein waschechter Giallo, der sich durchaus sehen lassen kann.
Was stört an dem Film? Sind es die heutzutage politisch wenig korrekten Morde an attraktiven jungen Frauen? Nein, heimlich sieht man ja doch gerne zu, wenn es nicht so sehr zum Schauwert wird wie später in Dallamanos ansonsten spannendem Poliziottesco „Der Tod Tod trägt schwarzes Leder“ (1974).
Sind es die aus italienischen Filmen nicht wegzudenkenden katholischen Geistlichen? Oder die mediterrane Landschaft und Architektur mitten in England?
Im Gegenteil: mich stören 1. die reinkopierten Edgar-Wallace-Lettern am Anfang ( zerstören die italienische Ästhetik) , 2. Schauplatz London ( Rom oder zumindest Mailand wären viel passender gewesen) , 3. die Mitwirkung unseres guten alten Blacky Fuchsberger, der sich immer mehr Internationalität für Wallace gewünscht hatte. Jetzt hat er sie und macht zwar keine schlechte Figur, ist allerdings leider austauschbar geworden.
Man hätte die Italiener ohne Zugeständnisse machen lassen sollen, sie wissen nämlich, was sie tun. Und das ist wesentlich geschmackvoller als das deutsche Kino um 1970.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.