Das Geheimnis der chinesischen Nelke (1964)

Kaugummi und Kräftemessen

Schlägereien, nackte Frauen, Bomben, Explosionen, Gangster, Autoverfolgungsjagden und vor allem anderen: nicht enden wollendes Kräftemessen der Herren mit sarkastischen Sprüchen, die sich das damalige Publikum bestens einprägen sollte, um sich auf dem Schulhof behaupten zu können. Was geht denn hier ab?

Nein, mit Weinert-Wilton hat das alles nicht viel zu tun, auch wenn dem Film der Roman „Die chinesische Nelke“ zugrunde liegt. Die drei Weinert-Wilton-Filme aus den Jahren 1962/63 waren mehr oder weniger Epigonen der erfolgreichen Edgar-Wallace-Filme, so wie sich auch Weinert-Wiltons Romane am englischen Vorbild orientierten. Vermummte Gestalten, düstere Schlösser, Nebelschwaden und deutsche Schauspiellegenden, die sich als Psychopathen austoben durften, sucht man hier vergeblich. Wer also einen epigonalen Film dieses Stils erwartet, dem sei „Das Wirtshaus von Dartmoor“ (1964) empfohlen, ebenfalls unter der Regie von Rudolf Zehetgruber.

Produzent Wolf C. Hartwig hatte ohnehin nie viel mit Edgar Wallace am Hut. Auf sein Konto geht eine Flut von B-Filmen: Horror, Abenteuerfilme, Western, später auch Sexfilme und als Krönung Splatter – Mitte der 1960er Jahre sehr oft mit Brad Harris und Horst Frank besetzt. Hartwigs Filme sind stets naive Modelle des trivialen Kinos für die Bedürfnisse junger Männer. Dafür ist „Das Geheimnis der chinesischen Nelke“ nicht nur ein typisches Beispiel, der Film weist auch den Weg zu neuen Genres im deutschen Kino. Wobei „deutsch“ eigentlich nicht mehr stimmt, vielmehr wimmelte es plötzlich von europäischen Koproduktionen. Auch dieser Film war eine Koproduktion mit Italien und wollte mit internationaler Besetzung beeindrucken. Neben Brad Harris waren das das tschechische Model Olly Schoberová und die aparte Französin Dominique Boschero.

Auf den ersten Blick fällt auf, dass man in vielen Szenen Horden von Männern mit Hut sieht, die mehr an Gangster aus dem Chicago der 1930er Jahre erinnern als an Engländer. Natürlich sind die gefährlichen Burschen alle bewaffnet, aber dann doch nicht so abgebrüht, ihre Waffen ernsthaft zu benutzen. Lieber lässt man die Fäuste sprechen. Einen hohen IQ kann man den Herren kaum unterstellen, das beweisen die Tölpel dann auch, indem sie sich bei Handgreiflichkeiten mühelos austricksen lassen. Die wichtigeren Figuren, in erster Linie Horst Frank und Klaus Kinski, sind nicht ganz so dumm. Sie kommunizieren immerhin miteinander – wobei es sich grundsätzlich um ein verbales Kräftemessen handelt. Je zynischer und sarkastischer man den anderen beleidigt, desto mehr punktet man. Die Lust daran ist nie befriedigt, es geht immer weiter. Und auch als Zuschauer beginnt man allmählich, diese Bedürfnisse zu teilen: Man braucht mehr davon. Selbst die „Guten“ scheinen untereinander keine andere Kommunikation zu kennen, es wird ständig gegeneinander ausgeteilt. Harte Männer eben. Kein Weichei in Sicht.

Und die Frauen? Die gibt es auch. Mitte der 1960er Jahre veränderte sich das Frauenbild in den Wallace-Filmen (emanzipierter in „Der Zinker“ [1963], hintergründiger in „Zimmer 13“ [1963], persifliert in „Der Hexer“ [1964]). Auch hier wollte man ein modernes Frauenbild. Wie könnte das aussehen? Die zu beschützende und zu rettende Olly Schoberová zieht sich in ihrer ersten Szene splitternackt aus und offeriert ihrem Beschützer, welch starke Libido ihr innewohnt. Dominique Boschero als ihr Gegenpart auf der bösen Seite lässt durch Styling und Habitus ebenfalls keine Zweifel daran, dass sie von starken erotischen Trieben gesteuert wird. Ein wenig harmlos ist sie zwar noch, aber wenige Jahre später sollten die „Sumuru“-Filme mit Wucht in diese Kerbe schlagen. Ganz offen gesagt: Das neue Frauenbild ist das alte, nur erheblich sexualisierter. Das kam beim jungen Männerpublikum hervorragend an. Dem weiblichen Publikum blieb nur, sich beim Kinobesuch an den auf den Film konzentrierten Partner anzukuscheln und heimlich von dem amerikanischen Supermann Brad Harris zu träumen.

Worum geht es eigentlich in dieser harten Welt, die von Coolness geprägt ist? Eigentlich egal. Letztlich geht es um eine Wunderformel auf Mikrofilm, die den Fortgang der Welt verändern würde. Der schlaue Wissenschaftler, der dafür verantwortlich ist, gibt den begehrten Mikrofilm aus Sicherheitsgründen unter anderem seiner attraktiven Teenager-Nichte mit ins einsame Wochenendhaus. Damit nichts passieren kann. Hoffentlich geht das gut – aber ich möchte hier nicht spoilern. Doch so leichtfertig man sich Gefahren aussetzt, so einfach können diese auch behoben werden. Ein Paradebeispiel und für mich der Höhepunkt des Streifens ist die Fähigkeit des gefesselten Leutnant Leggat (Leutnant wird im Film deutsch ausgesprochen!), den Sekundenzeiger einer Zeitbombe unschädlich zu machen, indem er aus einigen Metern Abstand ein Kaugummi auf das Ziffernblatt spuckt, das den Sekundenzeiger stoppt. Alle Achtung!

Horst Frank als ausnahmsweise „Guter“ macht seine Sache hervorragend, auch wenn Produzenten seine starke Ausstrahlung später meist wieder für Schurkenrollen nutzten. Ein starkes Handicap ist allerdings die Nachsynchronisation Franks, denn sein eigener sarkastischer Tonfall wäre für die Gesamtwirkung Gold wert gewesen. Versierte Schauspielkunst wurde hier – wie in vielen anderen Filmen des Euro-Trash – nicht mehr gebraucht. Theaterhaftigkeit störte nur. Das wissen wir spätestens seit O. W. Fischers Performance in „Das Geheimnis der schwarzen Witwe“. Personality und Vitalität zählten nun mehr denn je. Bestes Beispiel dafür ist der amerikanische Stuntman Brad Harris, dem allein wegen seiner Körperlichkeit alle Tore im europäischen Western- und Abenteuerfilm offenstanden. Klaus Kinski konnte sich ab 1964 ebenfalls Arbeit sparen: Es reichte, in Western und Männerfilmen als schlechtgelaunte Ikone aufzutauchen, präsent zu sein und die Gage zu kassieren. Der luxuriöse Drehort-Urlaub lockte zusätzlich – ein Umstand, der auch Horst Frank immer wieder dazu bewegte, sich auf zweit- und drittrangige Machwerke einzulassen.

Auch der altgediente Paul Dahlke wird noch bemüht, einen knochenharten Wirtschaftskriminellen zu spielen. Eine Ausnahme bildet Dietmar Schönherr: Er ist die einzige Figur, die sich nicht am Sprücheklopfen beteiligen muss, und wirkt dadurch wie ein Überbleibsel aus altmodischen Krimizeiten. Es überrascht nicht, dass er am Ende als Mörder enttarnt wird.

„Das Geheimnis der chinesischen Nelke“ war der letzte der vier Kriminalfilme nach Romanen des böhmischen Schriftstellers Louis Weinert-Wilton. Für einen solchen Film war Weinert-Wilton eigentlich überflüssig geworden. Den Wallace-Stil strebte man nicht mehr an. Schon im vorherigen Film „Das Geheimnis der schwarzen Witwe“ hatte man mehr Action versucht, hier wurde sie gesteigert und etwas besser organisiert. Doch für Prügeleien, Autorallyes und coole Sprüche war noch Luft nach oben. Das gelang später in der „Kommissar-X“-Reihe (1965–1971) besser: weniger Figuren, einfachere Handlung, mehr Action, stilvollere Musik, knackigere Sprüche und vor allem Farbe. Aber auch diese Filme waren nur eine Zwischenstation. Die eigentliche Quintessenz dieses Weges finden wir schließlich bei Bud Spencer und Terence Hill: perfekt inszenierte Prügeleien als Selbstzweck, lässige Dialoge von Synchron-Genie Rainer Brandt, konstante Hauptdarsteller und die Eliminierung aller Erotik, um das zwölfjährige Publikum nicht in Verlegenheit zu bringen.

Keine Frage: „Das Geheimnis der chinesischen Nelke“ ist ein ungelenker Film. Das vermittelte Männer- und Frauenbild würde heute hier und da Entsetzen auslösen. Damals erschien es modern, sogar befreiend. Wahrscheinlich musste es Mitte der 1960er Jahre nach all dem Mief der Vergangenheit so etwas geben. Seien wir also nicht entsetzt, sondern haben unseren Spaß daran.