Dirty Horst im Exploitation-Kaleidoskop
Nichts los im deutschen Kriminalfilm um 1970? Ideenarmut, mangelnde Innovation, Fantasielosigkeit? Nur unterirdische Klischeeware? Mitnichten! Kein Wunder, dass dieser Streifen, in dem alles hochgekocht ist, nicht wenige Rezipienten ratlos zurücklässt. Aus den spärlichen Kritiken und Kommentaren zu dem Film spricht zumeist eine gewisse Hilflosigkeit. Die Flut grandioser Einfälle einerseits und schlimmer Peinlichkeiten andererseits überforderte besonders hierzulande die Geister. Sicherer war es, im separaten Kreis über den „Neuen deutschen Film“ zu diskutieren oder inkognito mit hochgeschlagenem Mantelkragen Lederhosenlustspiele im Bahnhofskino zu konsumieren.
„Perrak“ entstand in einer Zeit der Schwerelosigkeit des Kriminalfilms. Die alten Regeln galten nicht mehr, Edgar Wallace und Dr. Mabuse hatten sich erschöpft. Der „Neue deutsche Film“ grenzte sich bewusst vom Publikumskino ab, und die normierte Krimiproduktion des Fernsehens bildete sich erst im Laufe der 1970er Jahre heraus, um dann Alfred Vohrer und andere Regieveteranen für sich einzunehmen. Und so entstanden einige Filme jenseits aller Schemata. Selbst unter diesen ist „Perrak“ schwer einzuordnen. Während Zbynek Brynichs Filme wie „Die Weibchen“ (1970) vor hemmungsloser Wildheit strotzten, hielt der wesentlich diszipliniertere Vohrer seine Eskapaden noch einigermaßen unter Kontrolle.
Unter der Flut spekulativer St.-Pauli-Krimis stechen Wolfgang Staudtes „Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache“ und Vohrers „Perrak“ leuchtend hervor. Während Staudte sich auf ein Duell zwischen zwei Brüdern konzentriert, bietet Vohrer ein hysterisches Panoptikum, in dem nichts ausgespart bleibt: vom betrunkenen Penner auf der Müllhalde bis ins private Schwimmbad der Millionäre, von der schwülen Transvestiten-Bar bis ins sowjetische Geheimdienstlager wird alles in schnellem Wechsel aufgefahren, was in der Stadt Hamburg denkbar ist.
Alfred Vohrer präsentiert ein Kaleidoskop von Szenen, die vor Gestaltungskraft und Ideen nur so strotzen. Wenn etwa im pastellrosa Schwimmbad Erika Pluhar als mondäne Millionärsgattin ihrem hysterischen Mann entgegnet: „Du verstehst gar nichts von Musik“, dann ist das ganz großes Kino. Oder wenn Judy Winter im glitzernden Spiegelkabinett eines Bordells als Prostituierte erleben muss, dass der kleinbürgerliche Zuhälter wie ein Fremdkörper in Schwarz ihre Strangulierung plant. Oder wenn ein Gangster einen Schwarzen demütigt, indem er schwarz-rot-goldene Farbe über ihn gießen lässt. Die verschneite Müllhalde mit ihren übergroßen Fahrzeugen und davonfliegenden Krähen liefert ikonische Bilder einer erkalteten Welt, auf die Vohrer später mehrfach zurückkommen wird, etwa in „Derrick: Tote Vögel singen nicht“.
Aufgrund der oberflächlichen Einordnung als ein Film unter vielen der Reeperbahn-Exploitation-Machwerke blieb bislang weitgehend unbemerkt, dass „Perrak“ stellenweise wie eine Materialsammlung für Hollywood wirkt. Das auffälligste Beispiel ist die Gangsterjagd, die im eisigen Millerntorstadion endet, wo sich Hubert Suschka als Bösewicht Kaminski allein auf dem weiten Spielfeld im Flutlicht wiederfindet. Nicht nur diese Szene weist so eklatant viele Parallelen zu Don Siegels ein Jahr später entstandenem „Dirty Harry“ auf, dass die Frage nach einem möglichen Einfluss zumindest gestellt werden muss.
Allerdings hat der Gestaltungselan auch seinen Preis. Vohrer kocht alles so hoch, dass manche Ideen an den Rand der Farce geraten, etwa Walter Richters Szenen als Penner oder Werner Peters’ Auftritte als Zuhälter mit kleinbürgerlichem Humordrang. In vergleichbaren Filmen dieses Genres lassen die Regisseure ihre eigentlich hochkompetenten Darsteller oft allein; Vohrer hingegen weiß deren Qualitäten zu nutzen. Wolf Roth kann beispielsweise als Halbkrimineller mit wenigen Szenen einen durchaus komplexen Charakter entwerfen, Jochen Busse als bizarrer Unbekannter einen fast bemitleidenswerten Erpresser. Auch Kameramann E. W. Kalinke bekommt reichlich zu tun, denn Vohrer gehen die Ideen für ungewöhnliche Kameraeinstellungen nicht aus. Überhaupt ist erstaunlich, dass er in dem vielschichtigen Handlungsgewirr stets die Fäden in der Hand behält – eine Eigenschaft, die ihn als späteren Simmel-Verfilmer geradezu empfiehlt.
Woran liegt es also, dass „Perrak“ damals kein Riesenerfolg wurde und Jahrzehnte später vorschnell als Zeitgeist-Trash der 1970er Jahre abgetan wird? Da ist zum einen die voyeuristische Lust, Dinge zu zeigen, die zuvor tabu waren. Die Bordellszenen bedienen heute unerquicklich wirkende voyeuristische Bedürfnisse. Besser gealtert ist der Drang sexueller Befreiung in den Transvestiten-Szenen. Nein, hier wird nicht diffamiert. Authentische Darsteller aus dem Hamburger Milieu sind mit erkennbarem Vergnügen bei der Sache. Der homosexuelle Regisseur hatte ohnehin eine Affinität zu diesem Milieu, was sich besonders in der Paartanzszene mit ihrer hingebungsvollen Kameraarbeit zeigt.
Das eigentliche Problem von „Perrak“ ist jedoch Perrak selbst. Immerhin hatte Vohrer erkannt, dass es an der Zeit war, einen unkonventionellen, antibürgerlichen Typen ermitteln zu lassen. Gerade hier ist peinlich zu beobachten, was Horst Tappert als Perrak sein möchte – und was letztlich daraus wird. Tapperts Wollen bleibt allzu deutlich sichtbar, denn seine Figur bleibt schnell in konventioneller Biederkeit stecken. Knapp ein Jahr zuvor funktionierte das in Vohrers „Sieben Tage Frist“ besser, weil Tapperts Inspektor Klevenow dort noch eine Chargen- und Randfigur war.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass in Deutschland meist jene Ermittler am besten funktionieren, die wenig schillern und stattdessen kleinbürgerlichen Anstand ausstrahlen. Heinz Rühmann in seinen wenigen Krimis, Erik Ode als „Der Kommissar“, Siegfried Lowitz in seinen zahlreichen Inspektorenrollen oder Klaus Schwarzkopf als Tatort-Kommissar Finke sind gute Beispiele dafür. Erst Schimanski sollte mit erheblicher Kraftanstrengung einen Wandel herbeiführen. Horst Tappert selbst wird wenige Jahre später in den ersten „Derrick“-Folgen allmählich auf den Pfad braver Bürgerlichkeit zurückfinden.
Natürlich hat „Perrak“ keine Ambition, ein naturalistischer oder gar realistischer Streifen zu sein, wie der „Katholische Filmdienst“ naiverweise bemerkt. Dafür gibt es bereits Jürgen Rolands „Polizeirevier Davidswache“ (1964). Dass aber ein Regisseur wie Alfred Vohrer Lust und Kompetenz für filmische Gestaltung besaß, blieb in Deutschland weitgehend unbelohnt. Solche Eigenschaften traute man sich hierzulande entweder nicht zu oder empfand sie gar als verdächtig. Mit den Simmel-Filmen blieb ihm noch ein Ventil, bevor ihm letztlich nur die Gepflogenheiten des Fernsehkrimis blieben.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.