Derrick - Der Mann aus Portofino (1976, Folge 29)

Vom italienischen Meer in den bayerischen Sumpf

Sieburg gelingt mit fremder Hilfe die Flucht aus der Justizvollzugsanstalt. Wenige Augenblicke später wird er aus einem Auto erschossen, das er offenbar für sein Fluchtfahrzeug gehalten hatte. Man stellt schnell fest, dass das Auto einem Italiener gehörte. Mafia? So der aktionsreiche Beginn einer Folge, die ein Gangsterspektakel vermuten lässt. Doch allmählich ahnen wir, dass eine völlig andere Geschichte erzählt wird. Eine Story, die nach dem ereignisreichen Beginn zunächst ruhig startet und uns allmählich wie ein Sog in melodramatische Dimensionen führt. Der rätselhafte Italiener ist gar kein Mafiosi, sondern ein betagter todkranker Arzt. Obwohl er anscheinend keine Verbindungen nach Deutschland hatte, trat er eine Reise an, die Derrick und Harry Klein nachverfolgen. Und wir werden in eine bayerische Welt geführt, die ganz abseits vom Verbrechen zu liegen scheint. Da ist zunächst ein dunkler Bauernhof mit knorrigen älteren Herrschaften (Alexander Golling, Ursula von Reibnitz), ein Volksfest, dann ein Gutshof, wieder mit knorrigem Verwalter (Reinhard Kolldehoff). Ein Milieu also, das weit weg ist von einer Justizvollzugsanstalt. Und noch weiter weg vom sonnigen Italien mit blauem Meer, das uns später in Rückblenden gezeigt wird. Schließlich lernen wir den Gutsbesitzer kennen, den kahlköpfigen Ingo Parenge (Kurt Meisel). Hier endet der Weg. Wir sind jetzt irgendwo angekommen - ohne noch zu wissen, warum. Während die Menschen auf dem Weg bisher wie wortkarge Schergen wirkten, stellt sich der Gutsbesitzer als Ex-General (und früherer Nationalsozialist) heraus. Ein zurückgezogener Mann, dabei intelligent, kompliziert und hochsensibel. Eine von Komplexen zerfressene Autorität, deren Schergen ihr bedingungslose Loyalität entgegenbringen. Man denkt dabei an ungute Gestalten aus deutscher Vergangenheit. Ganz weit weg liegt das sonnige Italien mit blauem Meer, das uns später in Rückblenden gezeigt wird. Und wir hören Musik: „Le rêve“ ein überaus erfolgreiches Musikstück aus den 1970er Jahren in einer instrumentalen Fassung mit akustischen Gitarren; Klänge, die so melancholisch wie zärtlich wirken. Ihr Zauber steht in scharfem Kontrast zu dem gedrungenen bayerischen Umfeld. Diese Gegensätze evozieren ein melancholisches Pathos, das erst einmal nur behauptet wird und doch schon wirkt. Als die Tochter des Gutshofbesitzers Fragen stellt, kommt die Wahrheit an den Tag. Derrick muss nur noch zusehen, wie Parenge sich selbst zerfleischt. Unter seiner dominanten Frau leidend, hat er die Nerven verloren, sie bei Portofino immer wieder mit der eigenen Yacht überfahren. Alle Verbrechen dienten nur der Vertuschung dieser privaten Katastrophe. Als der italienische Arzt nach Deutschland gereist war, um vor seinem nahenden Tod das Gewissen zu erleichtern und Bestechungsgelder zurückzugeben, wurde er ermordet und in den bayerischen Sumpf geworfen. Man müsse den sensiblen General schützen, so der Verwalter. Regisseur Dietrich Haugk, quantitativ nicht so stark in den Ringelmann-Krimiserien vertreten, ist immer für eine Überraschung gut. Seine Inszenierung wirkt in ihrem unerbittlichen Sog pathetischer, als man von einer Krimiserienfolge erwarten würde. Die Schäbigkeit des Verbrechens lässt Moralempfinden aufkommen. So effektiv, dass man sich fragen muss, was Oberinspektor Derrick eigentlich beisteuern kann, außer zuzusehen. Gott sein Dank sind wir noch nicht späteren Serienfolgen, wo er selbst Vertreter der Moral geworden ist.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.