Deutsche Experten befassen sich mit James Bond
1965 war das Genre-Kino mit Edgar-Wallace- und Karl-May-Filmen längst etabliert, wenn nicht gar im Begriff, allmählich zu ermatten. Die Agentenfilmwelle brach im europäischen Kino explosionsartig aus. James-Bond-Filme waren zum Maß aller Dinge geworden. Was lag also näher, so etwas auch zu versuchen? Viele Produzenten versuchten, mit Low Budget-Produktionen etwas von dem Kuchen abzubekommen. Im Grunde genommen nahmen die Filmemacher im deutschsprachigen Raum das Thema gar nicht so ernst. Der Erfolg der James-Bond-Filme war für sie verwirrend, denn die Stories des englischen Superagenten waren viel simpler als alles, was bisher im deutschen Film auf die Leinwand geschickt wurde. Charaktere schienen im Agentenfilm ausgesprochen schlichter Natur zu sein. Heutzutage ist es schwer vorstellbar, aber damals erschienen Ian Flemings 007-Geschichten wie lächerliches Groschenroman-Kino, das allerdings mit unsagbar hohem Budget produziert wurde. Regisseure und Schauspieler blickten so hochmütig wie neidisch auf das, was da neuerdings aus England kam. Da dieses Genre aber so erfolgreich war, beschloss man, einen Agentenfilm mit Personal ersten Ranges und für deutsch-österreichische Verhältnisse hohem Produktionsetat herzustellen. So musste es doch klappen!
Alfred Weidenmann war ein Regisseur mit bestem Ruf. Er hatte mit „Canaris“, „Alibi“, und „Bumerang“ hoch angesehene Filme zwischen Kriminalfilm, Abenteuer und Vergangenheitsbewältigungsdrama inszeniert. Und mit dem zweiteiligen Buddenbrooks-Film war er gar in das Herz deutscher Hochkultur gestoßen. Allein durch den Namen Weidenmann versprach die Produktion Hochambition. Adäquat dazu wurde Herbert Reinecker als Autor verpflichtet. Auch er hatte für seine Profession die maximal möglichen Referenzen und zudem ein Jahr vorher mit dem Drehbuch zum Vorzeige-Wallace-Film „Der Hexer“ bewiesen, dass er auch dem Genre-Kino einen Schub geben konnte. Dass Weidenmann und Reinecker eine gemeinsame tiefbraune Vergangenheit hatten, stand in den 1960er Jahren nicht so sehr im Fokus der Öffentlichkeit, wie es heute der Fall gewesen wäre. Außerdem bemühten sich beide im Gegensatz zu Regisseuren wie Wolfgang Liebeneiner oder Veit Harlan, die Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten.
Über die Opulenz der Besetzungsliste für „Schüsse im ¾-Takt“ wundern sich selbst heute noch einschlägige Cineasten. Karl-May-Film-Ikone Pierre Brice und Wallace-Star Heinz Drache gemeinsam in einem Film! Außerdem gab es weitere Stars, die über internationale Erfahrung verfügten wie Daliah Lavi, Mario Girotti (später Terence Hill), Anton Diffring oder die Tschechin Jana Brejchová. Und es mutet fast schon dekadent an, dass mit Walter Giller, Senta Berger, Gustav Knuth und Charles Regnier weitere deutschsprachige Topstars noch oben draufgepackt wurden! Selbstverständlich hatte man mit dem Alfred-Vohrer-Kamera-Mann Karl Löb und dem Komponisten Charly Niessen auch noch weitere erstklassige Experten ihres Faches ins Boot geholt.
Die Geschichte beginnt in Paris und spielt dann in Wien. Weidenmann setzt die Schauplätze mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln in Szene. Fast schon könnte das ein Tourismus-Werbefilm für die österreichische Hauptstadt sein. Der Prater, Schloss Schönbrunn, die Donau, ein prototypisches Heurigenlokal samt Schrammelmusik und der Graben in der Wiener Innenstadt sind aber nicht nur Staffage, sondern geschickt in die Handlung integriert. Dazu unterstreicht Niessens Musik gekonnt das wienerische Flair. Auch die vielen Zirkusszenen sorgen für eine spezifische Atmosphäre. Das war alles ganz schlau gemacht, wie von den professionellen Machern auch nicht anders zu erwarten war. All die guten Voraussetzungen haben dann selbstverständlich einen Film ergeben, der Liebhabern des deutschsprachigen Kriminalfilms der 1960er Jahre immer noch willkommen ist. Mir auch. Aber von James Bond ist „Schüsse im ¾-Takt“ meilenweit entfernt geblieben. Und das, was die hiesigen Kulturschaffenden den James-Bond-Filmen vorgeworfen hatten, wurde ironischerweise plötzlich hier Realität: Der ganze Aufwand stand in keinem Verhältnis zu dem bescheidenen Ergebnis. Fazit: In Deutschland und Österreich können es selbst die besten Experten nicht. Warum ist das so?
Fangen wir mit einem essenziellen Punkt an. Unterhaltsame Blockbuster-Agentenfilme benötigen als Lebenselixier Lust an äußerlicher Spannung und Action. Momente, in denen der Held wirklich schwitzen muss, wurden zum Selbstzweck. Weidenmann und Reinecker waren viel zu sehr von einer deutschen Gestaltungsethik getrieben, seriöse Filmdramen zu erschaffen. Das zeigte sich in mehreren Interviews sehr deutlich, wenn etwa Reinecker Bezüge zur griechischen Tragödie oder zum klassischen Drama in den Sinn kamen. Unvorstellbar für einen international erfolgreichen Thriller-Regisseur. Intellekt, Schwermütigkeit und mangelndes Vergnügen am Pulp kulminierten am deutlichsten in der Figur des Superagenten Phillip Tissot. Wo Sean Connery Coolness, Körperlichkeit und Härte mit Ironie transportierte, konnte Pierre Brice dem nur Anständigkeit, Besonnenheit und gutes Aussehen entgegensetzen. Man bedauert ihn fast, wenn er eine Pistole in die Hand nehmen muss, denn damit scheint er nicht gut umgehen zu können. Trivial-Regisseur Harald Reinl war möglicherweise der Einzige hierzulande, der unbefangenen Spaß an Action gehabt hätte. Seine Jerry-Cotton-Serienkrimis liefern schon ungleich bessere Action. Ebenso naiv bleibt die Wirkung des französischen Hauptdarstellers auf Frauen. Nicht mit Charme und Attitüde, sondern nur durch hübsche Optik erreicht Pierre Brice zwar jugendliche Winnetou-Fans, doch der Zuspruch von gleich drei hochklassigen Filmpartnerinnen wie Senta Berger, Jana Brejchová und Daliah Lavi bleibt wenig nachvollziehbar. Die attraktive Staffage darf sich keinem erwachsenen Knistern hingeben. Der mangelnde Charme jenseits des Wienerischen liegt auch im fehlenden Humor begründet. Den Machern des Films war das Terrain anscheinend noch zu unsicher, um selbstironisch agieren zu können. Vergleicht man „Schüsse im ¾-Takt“ hinsichtlich Action, Erotik und Humor mit einer beliebigen Folge der zeitgleich entstandenen englischen Fernsehserie „The Avengers“, dann wird es direkt peinlich. Gut, in dieser Welt sind Weidenmann und Reinecker nicht zuhause, das ist auch in Ordnung. Wohlwollend kann man von behindernder Ernsthaftigkeit statt von Steifheit sprechen. Allerdings ist es wiederum niederschmetternd, wenn man sieht, welch ambitioniertere Ware 1965 für das Agentengenre von englischen Filmschaffenden geliefert werden konnte, denkt man beispielsweise an „The Spy Who Came In from the Cold“. Aber das alles ist kein Wunder. Das englische Genrekino musste keinen historisch bedingten deutschen Ballast mit sich herumschleppen. Ein bürgerliches Kino konnte hierzulande erst in den 1970er Jahren mit Vohrers Simmel-Verfilmungen mühsam und mit hohem Aufwand das Spionage-Thema in ganz anderer Form abarbeiten.
Wenn auch die Macher eines Agentenfilms nur leidliches Interesse an Action, erotischer Spannung und einer Portion Selbstironie haben, so bleibt einschlägigen Fans immer noch die Begegnung mit einem Arsenal an luxuriös besetzten Schauspielern. Mario Girotti (später Terence Hill) und Gustav Knuth grüßen kurz ins Bild, Anton Diffring wirkt wie immer stark durch bloße Präsenz, Walter Giller evoziert Verdachtsmomente gerade durch die für ihn typische Sanftheit und Charles Regnier bringt in seiner kurzen Rolle als hintergründiger Weißclown etwas Unheimlichkeit ins Geschehen. Heinz Drache wird aufgrund seines Inspektoren-Images zunächst als Co-Held ins Spiel gebracht, doch der gestandene Schauspieler erweist sich als gut besetzter Bösewicht, dessen vitale Energie dem eigentlichen Helden deutlich überlegen ist.
Während die Kinokarrieren von Pierre Brice und Heinz Drache in den kommenden drei Jahren auslaufen, avanciert Sean Connery endgültig zum Weltstar für Jahrzehnte. Der Agentenfilm scheint kein Genre für die deutsch-österreichische Produktion zu sein, sieht man einmal von den Jerry-Cotton-Filmen ab, die immerhin das hiesige Publikum unterhalten konnten. Die Fähigkeiten von Weidenmann und Reinecker sollten sich in der Zukunft im Deutschen Fernsehen entfalten können, und da leisteten beide beachtliches. Bei Reinecker deutete sich das bereits an: einzelne Folgen der Ost-West-Spionage-Fernsehserie „Die fünfte Kolonnen“ kann man als Glanzpunkte des Fernsehspiels loben. Während die internationale Filmwelt sich bunt und agil weiter dreht, hält Reinecker inne, um deutsche Traumata zu verarbeiten. Ernst, gedankenschwer und selbstverständlich Schwarzweiß.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.