Im Nirwana zwischen den Welten
Ein merkwürdiger Film. Damals ein Publikumserfolg, heute für viele ein blasser Streifen.
Ist der Film große Kunst des legendären Regisseurs Fritz Lang oder doch nur eine harmlose Variation der zur Entstehungszeit so erfolgreichen Edgar-Wallace-Filme?
Knüpft Fritz Lang an die düster-expressionistischen Mabuse-Meisterwerke der Vorkriegszeit an, oder steht er nach Jahren in Hollywood nun doch einem realistischeren Stil näher?
War er begeistert bei der Sache, oder hat er sich vom Produzenten Artur Brauner nur überreden lassen, den längst verstorbenen Mabuse wieder auf Zelluloid zu bannen?
Alles ist halbwegs richtig – und genau das ist das Problem. Die Kritiker verrissen den Film im Vergleich zu Fritz Langs Weltgeltungswerken Dr. Mabuse, der Spieler (1922) und Das Testament des Dr. Mabuse (1932/33), und nach dem anfänglichen Publikumserfolg sahen viele Zuschauer doch lieber Die toten Augen von London, in dem expressionistische Elemente und zeitgemäße Lust am Trivialkino eine knallige Mischung ergaben. Man kann verstehen, dass es Fritz Lang Jahrzehnte nach dem expressionistischen Horrorfilm nahezu albern erschienen wäre, noch einmal so tief in die Mottenkiste zu greifen. Zudem hatte er in Amerika viele Krimis in einem völlig eigenen Realismus gedreht, dem man erstmals schon ein wenig in M – eine Stadt sucht einen Mörder (1930) begegnet.
Spielt Die 1000 Augen des Dr. Mabuse eigentlich in West-Berlin? Oder in einer anderen deutschen Großstadt? Oder in einer Stadt, die es nur in der Fantasie gibt? Ich weiß nicht mehr, ob es im Film eindeutige Hinweise zum Schauplatz gibt, aber der Ort scheint auf eine sonderbare Weise unbestimmt zu sein. Auch die Figuren tragen Namen, die eine ungreifbare Internationalität suggerieren: Marion Menil, Peter Barter, Dr. Jordan, Cornelius. Wenn es denn doch erkennbar deutsche Namen sind, dann sind diese ebenfalls höchst seltsam: Kommissar Kras oder Hieronymus Mistelzweig. Der furchteinflößende Ehemann gar wird statt namentlich nur „Klumpfuß“ genannt.
Auch die Besetzung ist sehr eigenartig. Die Britin Dawn Addams spielt die weibliche Hauptrolle, der Deutsch-Amerikaner Peter van Eyck die männliche Hauptrolle; die Nebenrollen sind eine verwirrende Mixtur aus Franzosen, Schweizern, Italienern und anderen. Daneben die deutschen, aber im internationalen Film erfahrenen Hochkaräter Gert Fröbe, Wolfgang Preiss und Werner Peters sowie in einer Nebenrolle der Dramaturg des Berliner Schiller-Theaters Albert Bessler, bevor er eine kleine Ikone der Edgar-Wallace-Filme wurde. Außerdem spielt ein gewisser Lupo Prezzo mit – ein erfreulicher Gag der Filmemacher, aber da ich nicht spoilern will, schreibe ich dazu auch nichts Weiteres …
All diese Diskrepanzen haben den Vorteil, dass zwar ein „merkwürdiger“, aber dennoch ganz singulärer Film entsteht, zu dem es absolut nichts Vergleichbares gibt. Das sollte man feiern!
Die Story begeistert zunächst einmal durch ihre höchst mysteriöse Anlage. Nachdem ein Fernsehreporter aus einem Auto heraus von dubiosen Männern einer geheimen Organisation erschossen wird, geraten wir in eine Welt, die kurz vor einer Katastrophe zu stehen scheint, ohne irgendeine Vorstellung von Ursachen und Zusammenhängen zu haben. Wir lernen eine depressiv-psychotische Frau kennen, die mit einem Sprung aus den oberen Etagen eines Luxushotels einen spektakulären Suizid begehen möchte; einen amerikanischen Multimillionär, der sie knapp rettet; ihren klumpfüßigen Ehemann, der ein menschliches Monster ist; einen bourgeoisen Psychiater, der alles daransetzt, sie zu schützen; einen Versicherungsvertreter (Werner Peters in superlativer Form!), dessen überbordende Lust auf Kalauer weit mehr befremdet als erheitert, und schließlich einen blinden Hellseher, der stets aufgeregt vor einem nahenden großen Unheil warnt.
Dass alle Aktionen ständig über geheime Kameras von Unbekannten beobachtet werden, gibt uns den Eindruck, alles könne ein makabres Spiel mit Menschen sein, die wie Mäuse im Käfig panisch herumirren, ohne sich ihrer eigenen Situation wirklich bewusst zu sein. In dem gleichen Maß, in dem sich allmählich die Geheimnisse lüften, verliert die Atmosphäre an Mystizismus, und der bürgerliche Kommissar Kras gewinnt Oberwasser. Am Ende ist es dann doch wie in einem gewöhnlichen Kriminalfilm mit dem üblichen Superverbrecher.
Die Verfolgungsjagd ist meilenweit profaner als die tief verstörende Fahrt in Das Testament des Dr. Mabuse von 1933, aber andererseits auch noch meilenweit entfernt von den technischen Schauwerten kommender Agentenfilme. Und schließlich erweist sich Dr. Mabuse nur als eine Art Butzemann aus Kindergeschichten – klassisch ausgestattet mit schwarzem Umhang und großem Hut. Anscheinend schien es Fritz Lang im Jahr 1960 nicht mehr möglich, das Publikum in die erschreckende Welt des Wahnsinns zu führen. Stattdessen führt der Film ins Genre-Kino der 1960er Jahre: düsterer, hölzerner und deutscher als die Edgar-Wallace-Filme.
Während Produzent Artur Brauner eine Mabuse-Serienproduktion anstrebte, war Fritz Lang nicht mehr zu weiterem bereit. Schon bei den Dreharbeiten dieses Films war seine Laune nicht gerade in Hochstimmung, und besonders Peter van Eyck bekam das zu spüren – obwohl gerade er eine exzellente Besetzung war, mit der sich der Film deutlich von der Krimikonkurrenz der Zeit abhob. Er sollte eines der markanten Gesichter der kommenden Mabuse-Reihe werden, genauso wie auch Gert Fröbe, dessen beeindruckende Darstellung des bodenständigen und bürgerlichen Kommissars mindestens auf dem gleichen Niveau wie seine negativen Rollen lag.
Fritz Langs dystopische Vision einer Welt, in der jeder für die Zwecke eines anderen beobachtet und durchleuchtet wird, ist Jahrzehnte später längst Alltagsrealität, in Die 1000 Augen des Dr. Mabuse jedoch aus heutiger Sicht etwas naiv umgesetzt. Mabuse hätte die Schockqualität vertragen, die im gleichen Jahr Hitchcock mit Psycho auslöste oder Orson Welles 1962 mit Der Prozess. Übertreibe ich? Nein, denn eigentlich steht Langs Name ebenbürtig neben diesen Regisseuren. Doch das wäre mit Artur Brauner wohl auch gar nicht machbar gewesen, denn dessen visionäre Ambition ist deutlich geringer, als es heutzutage kolportiert wird.
Zwischen Tradition und Aufbruch in den 1960er Jahren, zwischen USA und Deutschland, zwischen Kunst und Artur Brauners Serienabsichten ist es für den Erschaffer von Metropolis, M – eine Stadt sucht einen Mörder und den Mabuse-Klassikern das Beste, sich aus dem Filmgeschäft zurückzuziehen. Statt von der Legende zum Serienregisseur zu werden, taucht er lieber noch einmal in Jean-Luc Godards Die Verachtung neben Michel Piccoli und Brigitte Bardot auf, plaudert über Kino und trinkt Wein in der Sonne mediterraner Gefilde. Eine kluge Entscheidung. Die schwarz-weißen Albträume aus der deutschen Historie sind nun endgültig Vergangenheit.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.